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5 Erziehungsmythen, die sich hartnäckig in der Gesellschaft halten

Foto: Pixabay.com, © smpratt90, CC0 1.0

Sobald ein Kind die Familie bereichert, haben plötzlich alle Menschen aus dem sozialen Umfeld ein Wörtchen mitzureden und möchten ihre „gut gemeinten“ Ratschläge absondern. Das Kind wird verhätschelt, es muss alles aufessen und Flaschennahrung ist sowieso absolut schädlich. Viele dieser Ansichten scheinen aus dem Zeitalter unserer Urgroßeltern zu stammen und sich über Generationen hinweg in der Gesellschaft verankert zu haben. Während einige dieser Tipps durchaus einen gewissen Wahrheitsgehalt in sich tragen, sind andere von Pädagogen längst widerlegt worden. In diesem Artikel haben wir die 5 Erziehungsmythen zusammengetragen, mit denen auch du in deinem Alltag sehr häufig konfrontiert werden wirst.

1. Was auf den Teller kommt, muss aufgegessen werden

Das Essen nicht vollständig zu verzehren, gilt bei vielen Menschen weiterhin als Zeichen schlechter Erziehung. Sicherlich ist diese Überlegung der Nahrungsmittelknappheit nach dem 2.Weltkrieg geschuldet, als es sich die Menschen schlichtweg nicht erlauben konnten, Lebensmittel zu verschwenden. Tatsache ist jedoch, dass sich der Geschmackssinn bei Kindern mitten in der Entwicklung befindet.

Durch den Zwang, auf Gedeih und Verderb alle Lebensmittel hinunterzuwürgen, die sich auf dem Teller befinden, kommt es bei vielen Kindern zu Traumata, die nicht selten in Essstörungen münden. Viele haben beispielsweise erst mit über 25 Jahren festgestellt, dass sie Brokkoli mögen. Als Kind musste man ihn essen und fand ihn abscheulich. So grün, so seltsam, kurz: absolut nicht nach kindlichem Geschmack.

Viele bemerken so erst im Erwachsenenalter, dass Brokkoli durchaus sehr köstlich sein kann und wären womöglich erheblich eher auf den Geschmack gekommen, wenn sie das Essen des Brokkoli nicht von Klein auf mit Zwang hätten verbinden müssen.  

Erschwerend kommt hinzu, dass die Natur es so eingerichtet hat, dass Kinder ihre Bedürfnisse eigentlich schon sehr gut einschätzen können. Dazu gehört auch, wie viele Nahrungsmittel der Körper benötigt. Selbstverständlich solltest du als Elternteil stets grob abschätzen und beobachten, dass dein Kind ausreichend isst. Diese Berechnungen sollten jedoch über den Tag verteilt stattfinden. Wenn dein Kind morgens mit einem Bärenhunger aufgewacht ist, kann es schon mal sein, dass es mittags einen Teil auf dem Teller zurücklässt.

Verbote erzielen ebenfalls kaum einmal die Wirkung, die man sich gewünscht hat. Wer zu Hause unter einem andauernden Zuckerverbot steht, der neigt dazu, ohne Aufsicht der Eltern Unmengen an Süßigkeiten in sich hineinzustopfen. Kindergeburtstage sind hierfür die perfekte Kulisse.

Die Lösung liegt im Gleichgewicht: Lebt zu Hause eine gesunde, vollwertige Ernährung vor. Nicht festgefahren, sondern flexibel und bedürfnisorientiert. Süßigkeiten und Zucker in Maßen, vitaminreiche Früchte und ballaststoffreiche Hülsenfrüchte, Proteinquellen und gesunde Fette.

In der Mischung liegt die Würze. Euer Kind lernt, mit Gelüsten, Hunger, aber auch mit Langeweile umzugehen. Es lernt, seine Bedürfnisse richtig zu beobachten und einzuschätzen, statt nach Terminplan zu essen. Seid im Alltag aufmerksam, lebt das gute Beispiel vor und habt ein offenes Ohr für die Wünsche und Ängste des Kindes. Auf diese Weise kann es eine gesunde Beziehung zum Essen aufbauen.

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Foto: Pixabay.com, © avitalchn, CC0 1.0

2. Eltern machen keine Fehler

Seien wir ehrlich, wie oft fühlst du dich im Alltag überfordert? Es sind meistens die kleinen Situationen, auf die man gar nicht vorbereitet war, die einen kalt erwischen. Auf die großen und wichtigen Ereignisse stellt man sich ein und wenn man sich besonders große Sorgen gemacht hat, dann verläuft meist alles ganz reibungslos. Kinder haben ein besonderes Gespür dafür, uns aus der Reserve zu locken und uns tagtäglich mit voller Wucht gegen unsere eigenen Grenzen prallen zu lassen.

Aber wie oft geben wir vor unseren Kindern einen Fehler zu? Wir halten die Fassade aufrecht, auch wenn wir insgeheim ganz schön ins Schwitzen kommen und selbst ein schlechtes Gewissen haben. Einen Fehler zugeben? Niemals! Wie soll unser Kind uns denn respektieren und achten, wenn wir nicht fehlerlos sind? Es wird unsere Entscheidungen und Regeln doch in Frage stellen, wenn wir uns angreifbar machen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall.

Was Kinder wirklich respektieren, ist Fairness. Und dazu gehört eben auch, Fehler einzugestehen. Durch euer Verhalten zeigt ihr eurem Kind, wie man mit eigenen Fehlern umgeht. Fehlentscheidungen sind etwas ganz Normales. Unser Leben besteht daraus, aus ihnen zu lernen. Kinder schauen sich das Verhalten ihrer Eltern ab. Habt keine Angst davor, eure Fehler einzugestehen und dies eurem Kind auch unverblümt zu sagen. Lebt ihm vor, wie man sich nach einer unglücklichen Reaktion bei einem Mitmenschen entschuldigt und wie man Schritt für Schritt seinen Lebensweg findet.

3. Streit vor dem Kind ist ein absolutes Tabu

Unser Kind darf bloß nicht mitbekommen, dass Mama und Papa auch einmal nicht einer Meinung sind (ziemlich oft sogar). Vor dem Kind müssen wir schließlich ein Team sein. Immer harmonisch gemeinsam an einem Strang ziehen. Das Harmonie aber keinesfalls immer herrscht, versuchen viele Eltern ihren Kindern zu verheimlichen. Schließlich möchte man dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit geben. Streit und Diskussionen passen da nicht in Konzept.

Aber hast du einmal darüber nachgedacht, wie sich ein Mensch später in seinem Leben verhalten wird, der in dem Glauben aufgewachsen ist, es gäbe keine Meinungsverschiedenheiten? Wir müssen gar nicht so weit in die Zukunft schauen. Diese Heimlichtuerei funktioniert nämlich nur so lange, wie das Kind noch keine Bezugspersonen außerhalb der eigenen vier Wände hat. Spätestens auf dem Spielplatz kann dieses Kind dann aber gar nicht damit umgehen, wenn ihm ein Spielkamerad die Schaufel klaut. Denn wenn wir unserem Kind vorspielen, dass wir als Eltern nie streiten, dann simulieren wir, dass wir stets die gleichen Bedürfnisse haben. Euer Kind merkt auf dem Spielplatz aber sehr schnell, dass seine Bedürfnisse ganz und gar nicht denen seines Kameraden entsprechen.

Mit dieser Erkenntnis weiß es jedoch nichts anzufangen. Es hat sich nirgendwo abschauen können, wie man diskutiert und welche Regeln befolgt werden müssen, damit eine Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen fair abläuft. Viel besser als gar nicht zu streiten ist deshalb, richtig zu streiten. Das Kind lernt dadurch ganz nebenbei, wie man seine persönlichen Bedürfnisse seinem Gegenüber mitteilt und wie man einen Kompromiss findet. Dass man nicht immer einer Meinung sein muss, sondern verschiedene Meinungen und Ansichten absolut legitim sind.

4. Einzelkinder sind unerzogen und verwöhnt

Auch Kinder mit Geschwistern können sehr verwöhnt sein – vor allem, wenn sie das Nesthäkchen sind. Scherz beiseite. Einzelkinder müssen immer noch gegen das Vorurteil ankämpfen, sie seien besonders verwöhnt und unerzogen. Aber Tatsache ist: jedes Elternteil ist ein gutes, wenn es sich Mühe gibt und sich Gedanken macht.

Ganz gleich, für welches Familienmodell es sich entscheidet. Einige wünschen sich viele Kinder, andere wenige. Wieder andere wünschen sich viele Kinder und können aber keine bekommen. Nach jahrelangem Bangen schaffen sie es dennoch. Ihr ein und alles, der Mensch, der ihr Glück vollkommen macht. Wie schrecklich muss es für eine solche Person sein, sich obendrein noch Vorwürfe anhören zu müssen, warum man denn nur ein Kind habe.

Weg von den Eltern und hin zum Einzelkind: Jedes Familienmodell ist anders. Jedes Kind ist anders. Ein Einzelkind muss sich in der Familie nicht gegen Gleichaltrige durchsetzen. Es führt dafür zu Hause mehr Diskussionen mit erwachsenen Menschen und kann sich deshalb durchaus gut ausdrücken und seine Argumente überzeugend hervorbringen. Im Kindergarten oder in der Schule findet es den Anschluss mit Gleichaltrigen, welche die Spielstunden und die Konflikte mit sich bringen. Wie verwöhnt ein Kind ist, hängt nicht von der Anzahl der Kinder im Haushalt ab. Viel größeren Einfluss haben die Erziehungsmethoden und die Weltanschauung der Eltern. Zwei oder drei Kinder lassen sich nämlich durchaus ebenso gut verwöhnen.

5. Muttermilch ist besser als Flaschenmilch

Es ist erstaunlich, mit wie vielen Ratschlägen junge Mütter überschüttet werden. Von Familienmitgliedern, Menschen aus dem Freundeskreis und sogar Wildfremden. Selbstverständlich handelt es sich hierbei immer nur um gut gemeinte Anmerkungen. Seltsamerweise werden sie aber häufig überaus aggressiv und vorwurfsvoll vorgetragen. Verunsichert, durchflutet von Sorgen und Hormonen sitzt die junge Mutter da und versucht verzweifelt, einige Tropfen Muttermilch aus ihrer Brust zu drücken. Schließlich kann nur so eine Bindung zu dem Neugeborenen aufgebaut werden. Die Natur hat doch alles so perfekt eingerichtet.

Doch der Druck ist groß und die Verzweiflung ebenso. Auch zu diesem Mythos lässt sich nur eines sagen: jede Familie ist anders, jede Mutter ist anders und jedes Kind ebenso. Tue das, was sich für dich richtig anfühlt und freue dich darüber, dass du in einem Zeitalter lebst, in dem sehr gute Flaschenmilch erworben werden kann. Früher stand die Nahrungsaufnahme des Kindes im Vordergrund. Die Wichtigkeit des Stillens für die Bindung zum Kind kam erst später zur Sprache. Bis vor einigen Jahrzehnten mussten die jungen Mütter sich an Ammen oder Frauen aus dem Ort wenden, die ebenfalls gerade ein Kind hatten, um ihr Baby am Leben zu halten.

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Foto: Pixabay.com, © Ben_Kerckx, CC0 1.0

Das ist heute nicht mehr notwendig, denn es gibt ausgezeichnete Flaschenmilch. Einige Frauen lieben es, ihr Kind zu stillen. Sie können sich entspannen, haben ausreichend Milch und schätzen diese Momente mit ihrem Kind sehr. Aber das gleiche Ritual kann auch mit einer Flasche durchgeführt werden und es hat denselben Effekt der Bindung. Wenn die Flasche gegeben wird, dann kann der Vater des Kindes diese Momente nutzen, um mit dem Kind zu bonden. Entscheidet euch für die Variante, die euch und eurem Kind am meisten gefällt und mit der ihr euch wohlfühlt. Stress und Druck sind in diesem Kontext vollkommen unangebracht und kontraproduktiv.  

Fazit

Einige Mythen rund um die Erziehung von Kindern halten sich weiterhin hartnäckig. Seltsam eigentlich, wenn man bedenkt, wie kritisch andere Aspekte des Lebens hinterfragt werden. Die eine, wahre und einzig richtige Formel im Umgang mit Kindern gibt es nicht. Jeder Mensch baut die Beziehung zu seinem Kind auf seinen eigenen Weltanschauungen und seinen Prinzipien auf. Lass dir deine Prinzipien nicht kaputtmachen und versuche auch, stets die Meinungen und Anschauungen anderer Eltern zu akzeptieren.